18. Oktober 2014

Blick für das Besondere: Das Geiger Experiment

Kategorie: Allgemein, Chancen im Blick, Wahrnehmung

Wie nehmen Menschen in einem zufälligen Umfeld schöne Dinge wahr? An einem öffentlich stark frequentierten Ort, in einer hektischen Phase des Tages, in einer unerwarteten Alltagssituation: Können Menschen in diesem Kontext Schönheit wahrnehmen, Klangqualität hören, Talent und Stärke erkennen?

Das Experiment über Wahrnehmung

Joshua Bell ist einer der größten und vielfach ausgezeichneten Musiker der Welt.

In Zusammenarbeit mit der Washington Post gab er ein spezielles Konzert: Unerkannt als Straßenmusiker mit seiner Stradivari in der Metrostation eines sehr belebten Büroviertels.

In den 45 Minuten seines unbekannten Auftritts spielte Joshua Bell die schönsten und schwierigsten Musikstücke von Bach bis Schubert.

Bilanz: In der dreiviertel Stunde landeten in seinem offenen Geigenkasten von 1.070 unbekannten „Zuhörern“ 32,17 Dollar.

Unser Blick für das Besondere

Wenn wir uns nicht einmal einen Moment Zeit nehmen, um einem Ausnahmemusiker zuzuhören, wenn wir nicht wahrnehmen, dass jemand eine perfekte Leistung bietet, wenn wir einen “Wert” nur noch in einem eindeutigen Umfeld erkennen, wenn wir also die besonderen Momente des Lebens nicht (mehr) als solche bemerken:

Wie viele andere besondere Gelegenheiten und Chancen verpassen wir, während wir durch unser Leben hasten? Momente, die das Leben lebenswert machen …

Bewusstes Leben ist die Kunst, Dinge des Alltags mit allen Sinnen wahrzunehmen und in einer außergewöhnlichen Weise zu erleben.

Video auf YouTube: Joshua Bell and the Washington Post Subway Experiment

Artikel in der Washington Post: “Pearls Before Breakfast

Die Süddeutsche schreibt im Artkel “Kleingeld für den Star”:

“Für Joshua Bell war das offenbar ein gelungener Lernprozess über Kunstöffentlichkeit, den Wert des Künstlers und zudem eine Grenzerfahrung sein Tun und seinen Ruhm betreffend: “Wenn ich für Eintrittskartenbesitzer spiele, habe ich schon einen Wert. Da habe ich nicht das Gefühl, dass ich erst akzeptiert werden muss, denn da bin es bereits”. Bell machte sich wohl schon vor dem Metro-Auftritt seine Gedanken über die neue Spiel- und Hörsituation, über seine “unbekannten” Zuhörer: “Was ist, wenn ich ihnen nicht gefalle? Was, wenn sie meine Anwesenheit übel nehmen?”

Da hat sich ein berühmter Musiker von den Medien überreden lassen zu einer raren, soziologisch aufschlussreichen Musikaktion, zu einem Selbstversuch mit dem Publikum als dem “flüchtigen” Wesen. Bar jeden Schutzes durch Karriere und Konzertsituation wollte Joshua Bell gewiss nicht nur sich und anderen einen Spaß machen, sondern auch erkennen, dass, umgekehrt, die alltäglichen, in allen Städten und Straßen der Welt von mittleren, kleinen und noch kleineren Musikern betriebenen ambulanten Klangaktionen auch Musik hervorbringen. Und dass sein eigener Status als Virtuose, als privilegierter, vom Erfolg verwöhnter Starmusiker auch dank dieser Erfahrung nicht ohne Verstörung bleibt.” (Zitat Süddeutsche Zeitung, süddeutsche.de vom 13.12.2008)

© Christian Braun